Donnerstag, August 11, 2005

Intelligent Design im Kreuzfeuer

Da in den USA noch Intelligent Design (ID) neben die Evolutionstheorie (ET) in den Schulen auf den Plan kam, kochen die Wellen von selbsternannten Kreuzzüglern für die "Wissenschaftlichkeit" über.

Ein meiner Meinung nach typischer Vertreter der Artikel hier in Deutschland ist dieser aus der SZ (leider nicht mehr online verfügbar).

Ich fasse erst mal zusammen: der Artikel ist unwissenschaftlich und auch schlecht. Nicht wegen des Ziels sondern wegen der Art, wie versucht wird, dahin zu kommen.

Zuerst wird der zweitübelste der Strohmänner, den man üblicherweise gegen Christen auspackt, aufs Papier gebracht: Die Kirche vor 500 Jahren gegen Kopernikus, Kepler und Galileo im Streit um die Zentralität der Erde im Sonnensystem. Dann wird die Zentralität der Milchstraße als bereits in den 1920ern vergangen behauptet.
Als Überleitung zum eigentlichen Thema wird der Wunsch des Menschen genommen, im Zentrum des Geschehens zu stehen. (Das einige meßbare Tatsachen, wie z.B. die in alle Richtungen gleichmäßige Hintergrundstrahlung im Moment außer durch eine in Zentrum des Universum stehende Milchstraße nicht plausibel erklärt werden können, lassen wir mal gnädigerweise außer Acht.)
Nachtrag 29.09.2005: Ein Bekannter hat mich darauf hingewiesen, daß in der Standardkosmologie angenommen wird, daß das Universum homogen und isotrop ist. Das bietet also die Erklärung für die nicht nur hier sondern überall angenommene gleichmäßige Hintergrundstrahlung. Das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen.

Dann wird behauptet, in der ET stünde der Mensch nicht auf exponierter Stelle oben (komisch, was hab ich denn dann in der Schule da gelehrt bekommen?) aber die ID-Theorie, so wird zwischen den Zeilen suggeriert, würde den Menschen als Gottes Ebenbild sehen und damit den gleichen Fehler wie seinerzeit die Kirche begehen.

Das ist Unsinn. Die ID-Theorie sagt gar nichts über die Exponiertheit des Menschen oder das Alter der Erde. Mir scheint, der Autor des Artikels hat sich überhaupt nicht mit ID befaßt. Sodann kommt nämlich die Behauptung, die ID würde eine Milliarden Jahre alte Erde zugestehen und auch an eine langsame schrittweise Entwicklung glauben. Die ID ist eben keine Theorie über geologische Zeiträume sondern über Lebewesen und irreduzible Systeme in diesen, die eben wegen deren vermuteten Existenz und keinem uns bekannten oder erklärbaren Weg von alleine dahin, auf einen wie auch immer gearteten Erschaffen hinweisen. Aber kein Wort, keine Andeutung in dieser Richtung ist im Artikel zu finden. In ID wird gar nichts über das Alter der Erde ausgesagt, weder, daß sie sehr alt, noch, daß sie sehr jung sei. Es ist für diese einfach irrelevant.

Die ID wird als "Kreationismus light" bezeichnet. Offenbar ist der Autor der Annahme, es sei hinreichend bekannt, wie unwissenschaftlich und schlecht dieser sei, und will das auch dem ID anhängen. Argumente? Weil es so ähnlich klingt und einen ähnlichen Schluß ziehen läßt. Wissenschaftlich ist diese Argumentation auf jeden Fall nicht.

Es wird behauptet, es könne kein Experiment geben, mit dem die ID überprüft werden könnte. Das ist ebenso unsinnig, wie das selbe über die gesamte ET zu behaupten. Widerlegen kann man in Experimenten immer nur einzelne Aussagen einer Theorie. Als Beispiel sei eben die Kernaussage mit der irreduziblen Komplexität genannt. Man baue oder finde eine Zelle, die mit weniger auskommt, als die uns bekannten. Sodann zeige man, wie sich diese einfachere aus noch einfacheren Formen in nachprüfbaren Schritten entwickeln kann und - volia - diese konkrete angenommene Irreduzibiltät ist widerlegt.

Die daraus vom Autor des Artikel geschlossende Folgerung, ID sei keine Wissenschaft ist somit nicht haltbar.

Dann kommt der immer wieder auftauchende Grundirrtum: Die Evolutionstheorie sei durch "experimentelle Funde gefestigt". Das mischt sehr stark zwei Wissenschaftszweige, die in Art kaum unterschiedlicher sein können. Nämlich die Naturwissenschaft - dahin gehören Experimente - und die Geschichtswissenschaft - dahin gehören die Funde. Möglicherweise ist mit "Funde" aber "Befunde" gemeint. Das macht den Satz zwar richtiger, die Vermischung findet sich aber im ganzen Artikel.

Das, was wir heute beobachten und experimentell nachvollziehen können, wie eben Entwicklungen von Lebewesen über Generationen hinweg in dem der Genpool von Populationen andere Mengenverhälnisse aufweist oder Teile der Gene von Individuen deaktiviert und andere Teile aktiviert werden, oder auch einige nichtlethale Defektmutationen vorkommen und sich dadurch an veränderte Umweltbedingungen anpassen können, das ist Naturwissenschaft.
Von "Kreationisten" - in Deutschland eher Anhänger der Schöpfungslehre genannt - und solchend er Intelligent Design Theorie werden Befunde und Folgerungen daraus nicht bestritten. Wir nennen diese "Mikroevolution".

Die Annahme, wie etwas in der Vergangenheit tatsächlich gewesen ist, also z.B. das Nero Rom angezündet hat oder daß der Wal sich tatsächlich aus Landsäugern langsam entwickelt hat, das ist Geschichtswissenschaft. Es läßt sich niemals experimentell nachprüfen, ob es tatsächlich so war. Nur weil ein Mensch, der genau so wie Nero ist, heute eine Stadt Rom anzünden würde, beweist nicht, daß es damals so war.
Man muß sich auf Befunde und Zeitzeugen usw. stützen, um eine möglichst plausible Aussage über die Vergangenheit zu machen. Dabei sind Naturwissenschaften wichtige Helfer, denn mit solchen Methoden kann man viele Befunde untersuchen. Aber dies beweist die postulierten Ereignisse in der Vergangenheit eben nicht, es zeigt nur, daß es so gewesen sein könnte. Das ist ein sehr wichtiger Unterschied.
Diesen Teil der ET nennen wir "Makroevolution". Diese Trennung macht absolut Sinn und ist in höchstem Maße wissenschaftlich. Den Versuch, diese wieder zu vermischen, kann ich mir nur mit Ignoranz, Unwissenheit oder der Absicht alle zu verwirren erklären.

Doch weiter im Artikel. Es wird der ID unterstellt, sie hätte nicht die Offenheit, den eigenen Erkenntnisstand zu revidieren. Belege für diese Unterstellung? Keine. Nicht im Geringsten. Haben wir aufgeklärten Menschen ja heute nicht mehr nötig, oder was? Aber ein Schluß daraus wird formuliert: ID habe "keinen Anspruch darauf, als Wissenschaft akzeptiert zu werden".
Ich sage dazu: Ex falsum quodlibet, aus einer Falschaussage kann man gar nichts schließen.

Sodann wird sich noch über den Begriff "intelligent" lustig gemacht. Die Kreationisten würden sich selbst damit erhöhen, daß sie ihren Schöpfer als intelligent bezeichnen. Ziemlich wirr und für mich nicht nachvollziehbare Aussage.

Dann wird kurz in den angeblichen Fehlern der angenommenen Schöpfung rumgestochert - Krebs, Alzheimer, usw. - deshalb kann es ja keine Schöpfung eines Gottes sein. Anstatt aber in dem Weltbild zu bleiben, was angegriffen wird, wird gezielt gewechselt. Nicht der Sündenfall ist die Erklärung für Negatives - nein, der Mensch hat sich noch nicht Zig Jahrmillionen bewährt wie Hai und Schabe.

Sehr richtig wird angemerkt, daß die Widerlegung einer Theorie keine andere beweisen würde. Das ist ja auch nicht der Grund, warum bestimmte Aussagen aus der ET versucht werden, zu widerlegen, sondern weil sie einfach als nicht wahr - manchmal als nicht wissenschaftlich und manchmal als widerlegt - betrachtet werden. Diese Versuche des Widerlegens sind nicht die Grundaussage der ID, was der Artikel aber die ganze Zeit zu suggerieren versucht.

Diese Art der üblichen Arumentationsfolge nervt auf Dauer. Erst sagt man:
So und so könnte es gewesen sein. -
Dann kommt dagegen: Aber wir haben doch schon diese schöne Erklärung hier, wieso tuts die denn nicht? -
Ja weil das und das daran nicht richtig sein kann. -
Hey!, bloß weil das nicht richtig sein könnte, ist doch euers nicht wahr. Und überhaupt, weil du da jetzt dagegen argumentiert ist euers ja sowieso nur ein Zeriss von unserem und damit gar nicht wahr.

Dann wird in einem Absatz eine gottgesteuerte Evolution mit ID verwechselt. Der Autor scheint wirklich nicht zu wissen, was er da beschreibt.

Am Ende auf einmal ein überaschender Schluß: Die Schwachpunkte der ET sollen gelehrt und diskutiert werden. Ach? Auf einmal? Es existiert keine befriedigende Erklärung für die Entstehung komplexer Strukturen? Aha. Er weiß es also doch.
Aber dann die übliche Aussicht auf die Zukunft: Vielleicht wird eines Tages eine Erklärung gefunden...
Aber ID wird es laut dem Autor nicht sein.

Er hätte sich vielleicht mal lieber mit der ID befaßt, anstatt nur in der Gerüchteküche altes und falsches Schubladendenken aufzukochen.


Drauf gestoßen bin ich im Blogeintrag von Soomah zu dem Thema.

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Comments:
Hallo JO,

Schade, dass ich gerade beruflich so ARG eingespannt bin - dazu liesse sich eine sehr interessante Diskussion führen.

In einigen Dingen gebe ih Dir recht (z.B. in der Übersimplifizierung, die in deutschen Medien häufig anzutreffen ist), in anderen nicht unbedingt (das US-Schulsystem baut prinzip-bedingt auf eine Abkopplung ovn Religion und in der SChule sollte die zur Zeit allgemein akzeptierte BESTE Wissenschaft gelehrt werden - natürlich mit Kritikpunkten uns einer Eklärung, dass Wissenschaft über das Aufstellen und Aussortieren verschiedener Thesen funktioniert... aber eben nicht JEDE spinnerte Alternative breit auswalzen, sonst landet man irgendwann beim fliegenden Spaghetti-Monster .
 
Das fliegende Spagetti-Monster ist ein schlechter Strohmann, weiter nichts. Damit erstickt man Diskussionen nur.
 
Dann hier noch ein "Strohmann":
http://www.theonion.com/news/index.php?issue=4133&n=2

Nein im Ernst:
Das Spaghetti-Monster ist eigentlich kein Strohmann, sondern nur eine überdrehte Ironie. Sie soll auch keine Diskussionen ersticken, sondern nur vor Augen führen, dass man eben nicht JEDER THESE gleichwertigen Platz im Klassenzimmer einräumen kann, sondern nur denen, die auch wissenschaftliche Kredibilität geniessen. und das ist bei kreationisteischen gar nicht und bei ID-Thesen ... auch gar nicht! der Fall.
 
Ohne Argumente wird da nix draus.
Ich hingegen zeigte, warum ID sehr wohl Wissenschaft ist.
 
Das sehe ich nicht so (dass Du geziegt hast, dass ID sehr wohl Wissenschaft ist).

Du hast diverse sehr schwache Punkte in Deiner Argumentation, die ich aufgrund Zeitmangels nicht alle aufgreifen kann, aber einige sind:

- Hintergrundstrahlung: Flasches Argument. ALLE Punkte des Universums sind im vierdimensionalen Raum gleichzeitg Zentrum (Ballon-Analogie)

- Wenn Du in der Schule gelernt hast, dass der Mensch auf exponierter Stelle oben steht, hast Du tatsächlich was falsch verstanden. Faktisch hat er im morphologischen Cladogramm 39 Verästungen bis zum Einzellerbakterium hinter sich, bei Elefanten sind es (soweit ich weiss) bereits 43). Der menschliche "Ast" wird nur am häufigsten betrachtet.

- Deine Falsifikation für ID basierend auf biologisch momentan auffindbaren Zellen ist bereits erfolgt. Siehe dazu R. Dawkins' Kritk an Michael Behe's Buch "Darwin's empty box". Hier wird klar gezeigt, wie durch "Dropped Scaffolding" SCHEINBAR irreduzible Komplexität erzeugt wird und Zellvorläufer sowie simplere Zellen als die heutzutage auffindbaren aussehen können. Mehr dazu gibt's auch bei tal.origins, deeplink bei Gelegenheit.

So, jetzt muss ich aber wirklich mal den originalen SZ-Artikel lesen. Was gutes erwarte ich nicht...

Beste Grüsse,
- m.
 
Hintergrundstrahlung:
Ich denke, wir sind uns beide einig, daß dies nur ein Randthema ist, und ob es richtig oder falsch ist, absolut nichts über meine Hauptargumentation aussagt.
Soso du bringst eine weitere Eintität, die 4. Dimension, ins Spiel, obwohl man es einfacher erklärten könnte... Was würde wohl Herr Ockham dazu sagen?
Nein, klar, es gibt mehr Faktoren, als nur das genannte. Aber weder kennen wir alle, noch können wir mit unserem heutigen Wissen beweisen oder widerlegen, daß die Michstraße in etwa im Zentrum unseres Universums liegt, noch daß es überhaupt ein Zemtrum gibt.

Schule:
Das mit der Anzahl der Verästelungen verschiebt sich sowieso mit jedem neuen Fund oder jeder neuen Erkenntnis (und das ist auch richtig so). Man lernt in der Schule leider viel Mist zu dem Thema ET. Ich sag nur "Häckel".

Widerlegt:
Wie gesagt, wenn es eine simplere gibt, dann ist die eben die einfachste. Aber ich werde mir Dawkins Argumentation gerne ansehen. Es gibt mit Sicherheit irgendwo auch schon eine Widerlegung der Widerlegung.
 
ID ist ein Taschenspielertrick! ID bzw. seine Ursprünge stammen aus der Zeit kurz nach der Evolutionstheorie und bildet damit das Gegenstück, quasi eine Rekation auf die Evolutionstheorie.
ID meint nicht Gott als Designer. Ich glaube, das ist der zentrale kern der geklärt werden sollte, denn komischerweise sind ID-Anhänger in der Mehrzahl menschen, die zuvor wohl dem KReise der Kreationisten zuzordnen waren. Wer oder was ist denn der Designer hinter ID, wenn nicht Gott?
Man muss den Köpfen, die ID in Deutschland oran treiben (wollen) Respekt zollen, soviel ist klar, denn sie machen sich Lücken der Et zu nutze und das sehr effektiv.

Na ja, keiner wird seinen Standpunkt großartig ändern, Fakt ist aber, dass ID erst wieder aufkam (nachdem es fast ein jahrhundert in der Schublade schmorte), nachdem die Evolutionstheorie das schulische bild bestimmte, denn ID veruscht einen gott auf einem Weg zu installieren, der den Religionen so nicht mehr gegeben ist und auch nie wieder gegeben sein wird. Die Schule ist demnach das erste Ziel von ID, man will den Stoff lehren lassen um ein gegenstück zur ET im kopf der Schüler zu installieren. Da ID aber in allen köpfen nur ein Bild zulässt, wer für ID zuständig ist, nämlich Gott, disqualifiziert sich ID damit automatisch als Glaubensausrichtung.
Meine Meinung zu solchen Dingen in den Schulen lautet: entweder alles lehren, oder nichts. Also islamischer unterricht, christlicher und von mir aus auch ID, aber als markiert, was es ist, eine Religionsausrichtung.
Nehmen sie doch auch mal diesen beitrag auseinander
http://www.zeit.de/2005/33/Kreationismus

Ach ja kleiner Seitenhieb muss noch sein, junker, Scherer, Gitt, Lönnig es ist eine Schande, so talentierte Menschen sich so in diesen Mist verstrickend dem Abgrund entgegensteuernd zu sehen. So viel Potential verschenkt, potential, dass man an anderer Stelle hätte gut gebrauchen können. Sie aber ziehen es vor, sich für kreationistische gedanken instrumentalisieren zu lassen, beschämend.
 
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